Run Albino - Transkript
Tranzkrip "Run Albino"
Als die Männer mit den Macheten kamen, um ihr Bein zu holen, saß Tumila gerade beim Abendessen. Ihre Mutter hatte Maisbrei und Fisch gekocht, wie fast jeden Tag, und Tumila war hungrig, sie hatte den ganzen Nachmittag auf dem Markt Erdnüsse verkauft. Die 17-Jährige war ein fleißiges Mädchen, doch die Aufnahmeprüfung für die Oberschule hatte sie nicht bestanden, deswegen musste sie arbeiten, um ihre Familie mit ein paar Cent zu unterstützen. Bis an jenem Abend die beiden Männer an die Türe ihrer Hütte hämmerten.
"Wer seid ihr?", rief Tumila im Halbdunkel. "Warte nur, du wirst uns noch kennenlernen", antworteten die Männer von draußen und rüttelten an der Tür. Tumilas Mutter stemmte sich von innen dagegen, doch die Männer waren stärker, sie stürmten hinein, blendeten Tumila und ihre Schwestern mit Taschenlampen, drückten die Mutter hinter die Tür. Die Männer trugen Gummistiefel, sie hatten ihre Kappen tief in die Gesichter gezogen, einer zückte eine Machete. Er schlug Tumila in den Nacken, das Mädchen stürzte zu Boden und als die Männer kurze Zeit später wieder verschwanden, fehlte Tumilas rechtes Bein. Sie verblutete innerhalb weniger Minuten.
Schon am nächsten Tag verhaftete die Polizei Tumilas Nachbarn, einen einfachen Fischer, und dessen Komplizen. Er gestand, er habe von einem Bekannten viel Geld geboten bekommen für das Bein des weißen Mädchens aus einem kleinen Dorf im Norden Tansanias.
Daressalam, Tansanias Regierungssitz, einige Monate später. Seit der Student Joseph die Geschichte von Tumila und ihren Mördern im Radio gehört hat, wacht er nachts manchmal von Albträumen auf, in denen Männer mit Macheten Jagd auf ihn machen, denn seine Haut ist genauso hell wie ihre. Obwohl Joseph hier, in der Großstadt, relativ sicher lebt, zieht er sich seine Baseballkappe ins Gesicht, bevor er ins Freie tritt. Joseph macht sich auf durch das Gewusel des Busbahnhofs. Er versucht, die Kinder zu übersehen, die verdutzt stehen bleiben, und die Erwachsenen, die ihn anstarren und tuscheln. Joseph bewegt sich als einziger heller Punkt durch die schwarze Menschenmenge. Die Haut des 21-Jährigen ist blass und fleckig, die Haare unter seiner Mütze locken sich in Hellgelb, aus aschgrauen Augen schaut er in die Welt. Josephs Körper fehlt der Farbstoff. Es ist ein Gendefekt, nicht selten, er tritt überall auf der Welt auf: Albinismus. Der Körper produziert kaum Melanin, ein Pigment, das zum Beispiel die Haut dunkel färbt und gegen die Sonne schützt. Sein Mangel macht Joseph zu einem Albino. Genau wie Tumila es war.
In Tansania gelten Albinos oft als Aussätzige, als sonderbar und verwunschen, sie werden angestarrt, abgewiesen, ausgelacht. Bis 200.000 Albinos, schätzt die Tanzania Albino Society, leben unter den 38 Millionen Einwohnern des Landes. Doch seit einigen Jahren müssen sie um ihr Leben fürchten, weil selbst ernannte Medizinmänner magische Tränke aus ihren weißen Körpern brauen. Mehr als 40 Albinos sind in Tansania bereits ermordet worden, das sind offizielle Angaben, die wahre Zahl liegt wohl viel höher. Am häufigsten haben die Albino-Mörder in den ländlichen Gegenden im Norden des Landes zugeschlagen. Dort, wo Tumila geboren wurde und wo sie heute begraben liegt.
Auch Joseph ist dort groß geworden. Aber zu Hause war er seit vier Jahren nicht mehr. "Am meisten vermisse ich meine Mutter", sagt Joseph, zurück in seinem Studentenwohnheim in Daressalam. Er starrt vor sich auf den Boden, verlegene Stille, dann schiebt er nach: "Natürlich." Joseph liegt auf seinem Bett, auf einer blanken Matratze, gut 800 Kilometer südöstlich von seinem Geburtsort. Die Betonwände sind kahl und dreckig, ein grauer Spind, eine nackte Glühbirne. Mit beiden Händen klammert er sich an seinem Handy fest, als suche er Halt an dem kleinen schwarzen Gerät. Joseph studiert Jura, zweites Semester, und jede Woche, sagt er, rufe er seine Mutter an. Weil er nicht einmal ein Foto von ihr hat, versucht er dann, sie sich in seinen Gedanken vorzustellen: ihre sonnengegerbte Haut, ihre stolze Haltung, die tiefen Falten im Gesicht, die von ihrem breiten Lachen stammen. Doch das Bild wird langsam blasser. "Komm bloß nicht heim", hat ihn seine Mutter am Telefon angefleht. "Komm bloß nicht heim, sonst musst du sterben."
Die Provinz Mwanza, Josephs Heimat. Strotzendes Grün zieht sich über geschwungene Hügel bis zum Horizont, dazwischen liegen meterhohe, runde Felsen, wie von einem Riesen in der Landschaft verteilt. Ein lauer Wind flüstert über die Maisfelder, Kühe grasen, Ziegen meckern; nur selten kündet das Brummen eines Motorrads von der Ankunft der Moderne. Mitten in dieser Natur: drei einfache Häuser aus Lehm, mit kleinen Fenstern ohne Glas. Der Ort, an dem Josephs Geschichte beginnt.
Wie ein Buschfeuer in der trockenen Savanne verbreitet sich am 5. August 1987 die Nachricht von Josephs Geburt. Die Frau von Mwinula, dem kleinen Bauern unten am Ngasamo-Fluss, hat ein weißes Kind zur Welt gebracht! Ein Fluch? Vielleicht sollte die Mutter das sonderbare Wesen umbringen, bevor noch andere angesteckt werden. Von weit her kommen Männer und Frauen. Glotzen. Flüstern. Lachen. Und verschwinden wieder.
Misstrauen und Argwohn bleiben. In Tansania ist der Glaube an die magischen Kräfte von Dorfschamanen, an Geister und Hexerei tief verwurzelt, besonders in den Dörfern im Norden. Krankheiten, fremdgehende Ehepartner, schlechte Ernten, Probleme bei der Arbeit oder mit der Polizei gegen alles haben die Medizinmänner ein Mittelchen, einen Zauber, oder zumindest einen Schuldigen dafür. Seit den siebziger Jahren werden in Nordtansania jedes Jahr Dutzende alter Frauen getötet, weil Medizinmänner sie bezichtigen, Hexen zu sein.
Die anderen Kinder im Dorf meiden Joseph. Zeruzeru, rufen sie, Geistersohn. Bleichgesicht du kannst doch gar nicht der Sohn deiner Eltern sein. Selbstzweifel. Warum bin ich nicht wie alle anderen, nicht wie meine Brüder? Stundenlang sitzt Joseph unter dem Baum hinter dem Haus seiner Eltern, redet kein Wort und frisst Zorn in sich hinein. Das Dorf meidet er, die meiste Zeit verbringt er in der Natur: auf der Wiese, auf der er mit seinen Brüdern Fußball spielt, am Bach hinter dem Maisfeld, wo er schwimmen übt, und in dem kleinen Wäldchen, in dem er mit Malaye, einem seiner wenigen Freunde, mit einer selbstgebastelten Steinschleuder auf Vögel schießt.
Dann, mit sieben, soll Joseph in die Grundschule, doch schon nach zwei Wochen hält er die Hänselei dort nicht mehr aus. Seine Eltern schicken ihn auf ein günstiges Internat, eines, auf dem es auch andere Albinos gibt, eine Schule speziell für Sehbehinderte, denn Joseph hat wie fast alle Albinos Probleme mit den Augen, die Schrift auf der Tafel kann er kaum entziffern. Er lebt nun eine Tagesreise von zu Hause entfernt, kommt selten zu Besuch, wechselt aufs Gymnasium und schließlich auf die Universität in Daressalam, um Jura zu studieren. "Ich will lernen, für meine eigenen Rechte zu kämpfen", sagt Joseph. "Das Recht zu leben und mich in meinem eigenen Land ohne Angst bewegen zu können."
Mwanza hat er hinter sich gelassen. Aber dort, wo er herkommt, laufen die Geschäfte für Hexer und Medizinmänner immer noch gut. "Volle Netze für die Fischer am Victoriasee", sagt der Medizinmann Japhar, "das ist für mich ein Kinderspiel." Schwerfällig lässt sich der alte Mann auf das abgewetzte Sofa fallen, legt seinen Gehstock zur Seite und verschränkt die Arme vor dem dicken Bauch. In der Ecke seines Wohnzimmers brummt eine Gefriertruhe, ein kleiner Luxus hier am Rande der Provinzhauptstadt Mwanza. Japhar lebt von Zauberei. Geschäftsmännern zu Reichtum zu verhelfen und Krankheiten zu heilen, damit verdiene er sich "ein Taschengeld", wie er sagt. Die Immunschwäche Aids heile er mit einem Mittelchen in einer Tasse Tee. "Aber Goldminen ertragreich zu machen", sagt er, "ist für mich eine echte Herausforderung. Dafür brauche ich einen Albino-Knochen."
Aus den Knochen mische er mit anderen, geheimen Zutaten einen Zaubertrank, den er am Eingang der Mine und in den Stollen verteile. Nach dieser Prozedur könne die Goldsuche beginnen Erfolg garantiert. Japhar spricht bedächtig, sein weißes Hemd hängt aus der Nadelstreifenhose, an den Füßen trägt er rote Flipflops. Ein brummiger Großvater in seinem Wohnzimmer, mit Blümchentischdecken und grünen Wänden. Talismane oder Wundermittelchen sind nirgends zu sehen. Ob er an seinen Methoden manchmal zweifelt? Japhar lacht. "Ich mache das doch nicht zum ersten Mal, ich habe schon so vielen zu Reichtum verholfen."
Der Aberglaube in Tansania ist auf dem Land größer als in den Städten, wie fast überall auf der Welt. Aber nicht einmal eine gute Tagesreise von Mwanza entfernt, in Daressalam, fühlt Joseph sich wirklich sicher, sagt er. Auch in der Drei-Millionen-Stadt, Regierungssitz und Wirtschaftszentrum des Landes, ist der Aberglaube offensichtlich. Alte Frauen verkaufen im Stadtzentrum allerlei Pulver und Tränke, Medizinmänner bieten in den vielen Slums ihre Dienste an, und beim Derby der beiden großen Fußballclubs kam es zu einem Gerangel im Strafraum, weil die glücklosen Stürmer vom Simba SC ein verhextes Amulett für ihre Torflaute verantwortlich machten.
In einem Vorort von Daressalam konnte die Polizei im letzten Moment die Entführung eines elf Jahre alten Albino-Mädchens verhindern und somit den ersten Mord an einem Albino in der Stadt. Und vor Kurzem, im Gedränge des Stadtmarktes, flüsterte ein Fremder Joseph dili zu ein neues Schimpfwort, abgeleitet vom englischen deal: Nimm dich in Acht, dein Körper ist ein gutes Geschäft!
Die Polizei vermutet, dass hinter den Morden im Norden Tansanias eine ganze Bande steckt, die sich aus Medizinmännern, Händlern und Knochenjägern zusammensetzt. Aufgeklärt werden die Verbrechen bisher wenig, dabei ist es nicht schwer, einen der Händler zu treffen. Wer sich als Käufer ausgibt und Interesse an ihrer Ware zeigt, bekommt Informationen.
In seinem eigenen Dorf in Mwanza wollte Charles nicht mit Fremden gesehen werden. Er wartet früh morgens am Rand der Kreisstadt Magu auf seine angeblichen Kunden. Er ist ein junger Mann im Hockey-Trikot, ein Geschäftspartner von Medizinmann Japhar. Volles Gesicht, Statur eines Boxers, Halbschwergewicht vielleicht. Neben der Straße gähnt eine weite Wiese mit leeren Buden, der Markt erwacht erst später am Tag zum Leben. Charles mustert seine Kunden aufmerksam, die Arme vor dem Körper verschränkt, und kommt sofort aufs Geschäft zu sprechen: Die Ware trage er nicht bei sich, sie sei vier Fahrstunden entfernt bei Freunden versteckt. Angst vor der Polizei habe er nicht, trotzdem müsse er vorsichtig sein. Schien- und Wadenbeinknochen biete er an, sie hingen sogar noch zusammen, außerdem je einen rechten und einen linken Arm. "Extrem gute Ware", sagt er. "Nicht etwa aus einem Grab, sondern ganz frisch, von einem 37 Jahre alten Albino."
Charles spricht leise, die Augen starr geradeaus, immer wieder bohrt er sich mit einem Stück Papier im Ohr. Für die Echtheit der Ware garantiere er; die Arbeiter, sagt Charles, die die Knochen besorgt hätten, kenne er gut, schon seit Längerem mache er mit ihnen Geschäfte. Außerdem könne er die Echtheit mit einem Test beweisen: Man müsse den Knochen nur an einem Radio vorbeiführen, bei echten Albino-Knochen gebe es rauschende Interferenzen; je frischer und energiereicher die Ware, desto lauter. Der Preis sei Verhandlungssache, normalerweise machten die Käufer ein Angebot, aber 1,5 Millionen Tansania-Schilling, knapp tausend Euro, darüber ließe sich reden. Billiger wären Albino-Haare oder menschliches Öl.
Rund 200 Verdächtige hat die Polizei in Tansania in den vergangenen Monaten im Zusammenhang mit den Morden an Albinos festgenommen. Kein Einziger ist bislang verurteilt; auch Tumilas geständiger Nachbar nicht. Die Gerichte sind langsam und überlastet, wegen schlampiger Polizeiarbeit fehlen oft Beweise, Verdächtige kaufen sich mit Schmiergeld frei. Die tansanische Regierung indes schmückt sich mit der Zahl der Festgenommenen, organisiert Demonstrationen mit Marschmusik, und Premierminister Mizengo Pinda bricht im Parlament medienwirksam in Tränen aus.
Politiker in Tansania beschäftigen sich mit dem Thema erst, seit die Zeitungen darüber berichten. Auch die Medien aus den Industrieländern berichten regelmäßig über die Verbrechen in Tansania, trotzdem hat ihre Arbeit mittlerweile einen Beigeschmack. Nicht nur, weil die Geschichten über Mord und Aberglauben genau das Klischee eines rückständigen Kontinents bedienen, das der Westen gern von Afrika zeichnet. Vielleicht sind auch die westlichen Medien, die den Grusel verkaufen, ein kleiner Teil dieses grauenvollen Geschäfts. Sie kaufen keine Knochen, aber sie erzeugen einen Markt, auf dem mit menschlichen Tragödien gehandelt wird, wie mit einer Ware.
Die Albinos brauchen jedoch diese Öffentlichkeit, besonders in Tansania selbst. "Wir müssen den Leuten zeigen, dass wir ganz normale Menschen sind", sagt Joseph. "Viele Menschen wissen immer noch nicht, dass Albinismus nur eine Krankheit ist." Er hat mit Freunden in Daressalam eine Fußballmannschaft gegründet, All United: rund ein Dutzend Spieler, fast alle genauso weiß wie er, im vergangenen Oktober haben sie gegen eine Mannschaft von Parlamentariern gespielt. Allein zieht Joseph sich oft in sein Wohnheim zurück, geht selten hinaus. "Zusammen mit den anderen, da fühle ich mich stark", sagt er.
Später sprintet er über den staubigen Parkplatz im Zentrum der Stadt. Den ersten Verfolger hängt er ab, dann schlägt er einen Haken, schwänzelt den nächsten Abwehrspieler aus, tänzelt kurz mit dem Ball – und zieht ab. Einen knappen Meter zischt der Ball an dem dürren Baumstamm vorbei, der das Tor markiert, Zuschauer springen erschrocken zur Seite.
Es sind nicht nur die Morde und die Verfolgung, derentwegen die Albinos in Tansania in Lebensgefahr schweben. Es ist auch die afrikanische Sonne, die auf den Platz brennt, als sie mit dem Fußballspielen beginnen. Ohne den Farbstoff Melanin kann sich die Haut nicht vor der Sonne schützen, viele Albinos in Afrika sterben an Krebs, mit Geschwüren und Tumoren auf den Armen und im Gesicht. Aus Scham verstecken viele Familien, besonders in den Dörfern, die Kranken in ihren Hütten und vergraben die Toten heimlich auf ihrem Grundstück. Einen toten Albino oder gar die Beerdigung eines Albinos haben die meisten Menschen noch nie gesehen. Albinos seien unsterblich, lautet eine weit verbreitete Legende. Deswegen müssten ihre Körper und ihre Knochen magische Kräfte besitzen.
Auch Tumila wurde nicht auf dem Dorf-Friedhof beerdigt, sondern in einem vier Meter tiefen Loch neben der Hütte ihrer Mutter, ohne Kreuz, ohne Grabstein. Albinos sterben nicht in Tansania. Sie verschwinden einfach.


